Pressemitteilung 09.03.2016

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Berlin, den 08.03.2016

Aus aktuellem Anlass!

Warum soll das Projekt Radical Queer Wagenplatz KANAL erhalten bleiben?

In verschiedenen Artikeln wurde uns vorgeworfen für unsere eigenen Priviliegien zu kämpfen und die Bedürfnisse neu ankommender Geflüchteter nicht zu beachten. Dabei wird übersehen, dass das Gelände der Kiefholzstraße 74 keine Freifläche ist, sondern von einem Projekt aus queeren, mehrheitlich geflüchteten Menschen, Migrant_innen, Schwarzen Menschen, PoC und Rrom_nja, mit unterschiedlichen politischen und sozialen Hintergründen genutzt wird. In unserer Arbeit und dem Leben liegen weder Luxus noch Wohlstand. Für dieses Projekt kämpfen wir um unseren Erhalt – am gegenwärtigen Standort.

Der Antrieb für das Leben und Wirken auf dem Wagenplatz Kanal ist die politische Idee, eine Schnittstelle und einen Gestaltungsraum für verschiedene, von Rassismus betroffene und mehrfach diskriminierte Personengruppen zu schaffen und zu erhalten. Genutzt und gestaltet werden diese Strukturen von selbstverwalteten Frauen*Geflüchteten und Migrant_innen Organisationen, wie z.B. „Women in Exile“ und „International Women Space“. Durch kontinuierliche Netzwerk-, Bildungs- und Antidiskriminierungsarbeit wird dabei ein vertrauensvoller und sicherer Rahmen für mehrfach marginalisierte Personen geschaffen. Diesen Raum in Neukölln neu zu etablieren hat uns viel Zeit und Mühe gekostet. Aufbau und Instandhaltung der Infrastruktur, Projekt- und Gemeinschaftswagen – wozu auch Wagen gehören in denen sich Küchen, Toiletten, Bad aber auch der Bühnenbereich, das Kino, eine Fahrradwerkstadt oder die Technik befinden – sind aufwändig und langwierig und werden von den Bewohner_innen und Projektgruppen ehrenamtlich, d.h. unentgeltlich geleistet. Unser politisches Kulturprojekt „Wagenplatz Kanal e.V.“ besteht – in unterschiedlichen Konstellationen seit fast 30 Jahren.

Wagenplatz Kanal“ ist nicht nur ein Wohnraum, sondern auch ein wichtiger kultureller und politischer Ort, der von zahlreichen Organisationen unterstützt und genutzt wird, z.B. MSO inklusiv! von Migrationrat berlin and brandenburg, Infoveranstaltungen und lesungen von und für FLT*I* geflüchteten, Fahradwerkstatt für Geflüchtete, deutsch sprach kurs für FLT*I* geflüchteten, ehrenamtliche Beratungsstelle von Gladt e.V., das internationale queere Filmfest Entzaubert, das QuEAR! Audio Kunst Festival, International Women Space, kurdisch-internationalen FrauenRat Dest Dan und das queer-feministische Baucamp Sissy. Das cutieBPoC Orga Team, das Media-Projekt und Transgenderradio Berlin treffen sich hier regelmäßig.

Die Seitens einiger Neuköllner Politiker_innen bemängelte „fehlende Transparenz“ ergibt sich nicht durch einen verneinten Austausch unsererseits, sondern durch den Charakter unserer Arbeit und zielgruppenorientierte Treffen, wie bsp. dem „Queer Refugee Meeting“.


Wir lehnen die staatlich organisierte Massenverwaltung ab und setzen uns dafür ein, uns gemeinsam selbstverwaltete Räume schaffen zu können. Die Politik reduziert unser Leben häufig auf das, was in dominanter Meinung als „existentiell“ anerkannt wird – Essen und Schlafen. Raum für eigene politische und kulturelle Arbeit wird dabei als Luxus deklariert, der uns nicht zusteht. Eine so genannte „modulare Unterkunft für Flüchtlinge (MUF)“ bietet genau das nicht: einen Raum, in welchem Menschen zusammen kommen können, um gemeinsam unabhängige politisch-kulturelle Arbeit zu machen und Austausch stattfinden zu lassen. Auch uns soll nun genau der Raum genommen werden, in dem wir gemeinnützige politische Arbeit machen – in dem wir Workshops und Empowerment für mehrfach diskriminierte Personengruppen anbieten – queere Schwarze Menschen, PoC, Migrant_innen, Refugees und Rom_nja.

Während wir dafür kämpfen einen solchen Raum zu schaffen, war es der Vertrag des Liegenschaftsfonds der uns dies praktisch untersagen wollte. Daher war es uns bis heute nicht möglich der neusten Version zu zustimmen. Wir weigern uns einen Vertrag zu unterzeichnen, in dem ein Paragraph den Aufenthalt von geflüchteten Personen auf dem Gelände untersagt, da dies unser Leben an diesem Ort und die zentrale Idee des gemeinnützigen Polit- und Kulturprojektes „Radical Queer Wagenplatz Kanal“ verbieten würde.

Den Projektteilnehmer_innen und den Bewohner_innen* des Wagenplatzes Kanal ist durchaus bewusst, wie kritisch dieser “vertragslose Zustand” zu betrachten ist, aber eine Unterzeichnung des Vertrages hätte das Ende des Projekts zur Folge gehabt. Noch einmal ganz klar: Wir sind gegen Rassismus und akzeptieren keinen rassistischen Mietvertrag!

Das Grundstück an der Kiefholzstraße wurde uns 2010 vom Liegenschaftsfonds als langfristiger Standort zur Verfügung gestellt. Dafür wurde eine zu zahlende Summe vereinbart, die wir seitdem inklusive aller Nebenkosten fristgerecht zahlen.

Wir brauchen selbst organisierte Plätze – nicht alles kann durch die Stadt kontrolliert werden! Wir beschäftigen uns nicht nur mit der Thematik queerer Geflüchteter, wir leben sie und zwar seit Jahren!

In der aktuellen politischen Lage Berlins ein Projekt wie unseres zu verdrängen, ist mehr als problematisch und würde nicht nur der Wohngruppe schaden, sondern auch all den Projektgruppen, die diesen Platz brauchen und nutzen.

Eine Auflistung einiger unserer Unterstützer_innen können Sie unserer Support Seite entnehmen.

Radical Queer Wagenplatz KANAL